28. Juni 2011
Brigitte Hanisch lebt seit nahezu 50 Jahren in Illingen. Als Seniorin beschäftigt sie sich immer wieder mit ihren oberschlesischen Wurzeln, was schon zu mehreren Buchveröffentlichungen führte.  KOHLER
Brigitte Hanisch lebt seit nahezu 50 Jahren in Illingen. Als Seniorin beschäftigt sie sich immer wieder mit ihren oberschlesischen Wurzeln, was schon zu mehreren Buchveröffentlichungen führte. KOHLER

Illingerin lüftet „Mariannas Geheimnis“

Oberschlesien-Reise brachte neue Einblicke und Idee für Buch über Ahnin.

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Ich war nur in der Hauptschule und habe dort auch so wenig gelernt, dass ich mich eigentlich wundere, dass ich heute ein Buch schreibe“, sagt Brigitte Hanisch. Sie sitzt in ihrer Illinger Wohnung und tippt mit der Hand auf den Deckel ihrer dritten Veröffentlichung „Mariannas Geheimnis“. Während es sie als junges Mädchen schon wunderte, dass sie mit ihrem Abschluss Zahnarzthelferin lernen konnte, traut sich die vitale Seniorin längst eine Menge zu.

Brigitte Hanisch, die etliche Jahre als selbstständige Handelsvertreterin gearbeitet hat, ist eine starke und auch eine moderne Frau. Sie lebt in der Gegenwart, doch lässt sie die Vergangenheit nicht los. Zunächst nur für ihre Nachkommen hatte sie „Das Mädchen aus Oberschlesien“ geschrieben und diese Autobiografie über ihre ersten 20 Lebensjahre zwischen Beuthen und Kiel 2004 veröffentlicht. Ihr nächstes Buch war „Ich fliege zu dir“ mit erfundenen Kurzgeschichten. Nun erzählt sie Mariannas Geschichte und bringt zum ersten Mal Wahres und ausgedachte Details zusammen.

Ungewöhnlich für eine Frau ihrer Generation ist, dass sich die Autorin nicht scheut, mit sehr persönlichen Dingen an die Öffentlichkeit zu gehen. Schon die ersten Seiten lassen keine Zweifel an autobiografischen Zügen im Buch. In aller Ausführlichkeit erzählt Brigitte Hanisch (Jahrgang 1934) wie sie als Lena zu einer Reise ins heutige Polen aufbricht, dort von einer Verwandten einen Packen Papier erhält, und dadurch auf ein Geheimnis in ihrer Familie stößt. Sie erfährt von Marianna, bei der es sich offenbar um ihre Urgroßmutter handelt. Die hat als junges Mädchen mit zwei Grafen zu tun, dem einen gibt sie sich hin, der andere fällt über sie her. Dass sie vergewaltigt wurde, erzählt Marianna keinem. Nicht verheimlichen lässt sich ihre Schwangerschaft, die dazu führt, dass die Familie mit ihr bricht.

Brigitte Hanisch sagt, dass es für sie verwunderlich war, dass in ihrer Herkunftsfamilie enge Verbindungen zu den Verwandten mütterlicherseits gepflegt worden waren, nicht aber zur Verwandtschaft des Vaters. Inzwischen ist sie sicher, das der fehlende Kontakt mit dem Geheimnis um Marianna zu tun hat.

Rückschau ohne Reue

Die Zeiten haben sich geändert. Nicht nur in der Literatur oder im Film mag Brigitte Hanisch romantische Liebesgeschichten, also geht es heutzutage für ihren Geschmack teilweise zu freizügig zu. In erster Linie – und auch mit Blick auf ihre drei Enkelinnen in Illingen – ist sie aber froh, dass der verklemmte Umgang mit sexuellen Themen Vergangenheit ist.

„Meine Jugend war akzeptabel“, sagt Brigitte Hanisch. Auch wenn sie ihre Heimat verlor, im Krieg um ihr Leben fürchten und später mit dem frühen Tod ihres Ehemannes fertig werden musste, stellt sie gelassen fest: „Ich habe im Leben immer Glück gehabt.“

So ganz ohne Hadern geht es aber auch bei ihr nicht. Wenn sie ihre Bücher präsentiert und daraus vorgelesen hat, hoffte Brigitte Hanisch bisher vergebens auf eine rege Diskussion. Besonders enttäuscht wurde sie in Seniorenheimen („Mir schien es, als würden einige nur die Zeit absitzen“). Die kontaktfreudige Illingerin weiß aber auch, dass sie sich eigentlich nicht zu beklagen braucht. „Wenn ich zu Lesungen gehe, sage ich auch nichts“, gibt sie zu.

Autor: RALF KOHLER | ILLINGEN

28.06.2011
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